EU beerdigt Lebensmittelampel

Die Erwartungen waren hoch – die Hoffnungen ebenfalls: das EU Parlament hatte sich in jüngerer Zeit oft als verbraucherfreundlich gezeigt und bewiesen, auch einmal gegen die Empfehlungen von Regierungen oder Interessenverbänden zu entscheiden.

Dementsprechend war es eine Entscheidung die besonders bei Ärzten, Krankenkassen und den Verbraucherverbänden mit Spannung erwartet wurde: wie steht der Rat einer klaren Empfehlung gegenüber, eine Ampelkennzeichnung für Lebensmittel in Europa nach britischem Vorbild des “Traffic Light Labelling” einzuführen?

Auf der Seite der Kritiker fand sich alles was Rang und Namen in der Lebensmittelindustrie hat ein, ebenso wie die meisten Regierungen oder gewählten Verbraucherschutzminister. Für Deutschland namentlich Ilse Aigner, die eine Ampelkennzeichnung gegen die Überzeugung und Wünsche vieler Bürger schlichtweg für nicht sinnvoll erachtet und damit standhaft blockiert.
Auf der anderen Seite stand ein ebenso großer Befürworter-Block aus Krankenkassen wie der AOK, der DAK, den Ersatzkassen, eine Fülle von Ärzteverbänden und die Verbraucherzentralen in Deutschland.

Die Industrieseite argumentierte mit hohen Kosten, Sachzwängen (Packungsgrößen, etc.) oder Irreführung des Verbrauchers aufgrund ungenauer Farbangaben.
Die andere Seite argumentierte mit hohen Kosten im Gesundheitswesen aufgrund von Fehlernährung, ständig steigenden Zahlen “gewichtiger” Menschen und der besseren Transparenz bei verarbeiteten Lebensmitteln.
Kurzum: zwei ziemlich gegensätzliche Sichtweisen der Lage in Europa standen sich gegenüber (Deutschland ist nur exemplarisch erwähnt, in Österreich, der Schweiz oder aber Großbritannien und Irland sieht es ähnlich aus).

Die Ampellösung war nicht mehrheitsfähig

Das Abstimmungsergebnis im Sommer mit einer Niederlage für die Lebensmittelampel dokumentiert daher auch sehr schön, wie derzeit die Lage im politischen Sinne gesehen wird: alles in Ordnung. Es kümmerte den Rat und die Mehrheit der gewählten Vertreter nicht (es fanden sich auch eine nicht unerhebliche Gruppe Unterstützer muß fairerweise erwähnt werden) daß die Zahlen seit Jahren nur eine Richtung kennen: nach oben. Dabei ist es egal ob man den Taillenumfang der Menschen betrachtet, das Durchschnittsgewicht von Vorschulkindern, die Diabetes-Erkrankungsrate unter Schülern oder die phänomenal guten Absatzzahlen von Burgerbratern, Süßwarenherstellern oder Fertiggerichteproduzenten. All dies wurde offenbar mit dem Verzicht auf eine Ampelkennzeichnung ausgeblendet.

Stattdessen gab man dem Verbraucher mit auf den Weg doch bitte gesünder einzukaufen und bewusster auf seine Ernährung zu achten. Denn gravierende Änderungen des status quo wurden nicht beschlossen – alle neuen Beschlüsse zur Änderung der Kennezeichnungsvorschriften sind noch lange nicht bindend und unterliegen weiteren Debatten und Abstimmungen.

Der Rat hat damit die Selbstbestimmung des Einzelnen zum Sieger erhoben, in einem System das seit Jahren nur die bereits beschriebene, eine Richtung kennt. Die Vorteile, die eine Ampelkennzeichnung bringt (Reduktion der Informationsfülle auf drei Farben und vier Nährwerte) wurden als Probleme gebrandmarkt und daher für untauglich empfunden. Stattdessen wurde das GDA-System der Industrie gelobt, das mit einer Fülle an Informationen, Zahlen und Fachbegriffen den Verbraucher vielfach überfordert.

GDA-Nährwertkennzeichnung keine praktische Alternative

Dabei ist es letztendlich egal wie viele Studien belegen daß eine GDA-Kennzeichnung fairer und transparenter ist – ein kleiner Realitätscheck im Parlament hätte schnell klar gemacht: selbst die Parlamentarier sind mit der GDA-Kennzeichnung überfordert (Video ab Minute 05:37). Wohlgemerkt – dies sind Menschen die beruflich Zahlen und Sachzusammenhänge analysieren und verstehen sollen! Wie mag es da erst bei der Hausfrau oder dem gestressten Single auf abendlicher Einkaufstour 5 Minuten vor Ladenschluß aussehen? Werden diese Menschen minutenlang innehalten, sich verlegen am Kopf kratzen und GDA-Berechnungen auf verschiedenen Verpackungen durchführen? Dieses sicherlich amüsante Supermarktszenario dürfte selten sein, besonders wenn jede zweite Packung nicht einmal alle GDA-Angaben zum Vergleich aufweist. Denn auch hier ist nichts geschehen: GDA bleibt nach wie vor freiwillig.

Einige Verbesserungen hat es aber trotzdem gegeben: Nährwerte sollen in Zukunft normiert werden auf 100g Produktgewicht. Damit können wenigstens Cornflakes, Müsliriegel und Fertigpizzen schnell miteinander verglichen werden ohne den Dreisatz bemühen zu müssen. Da ein Durchschnittsverbraucher allerdings immer noch nicht weiß wie viel “zu viel” eines Nährwertes ist wird er so wie bei der Ampel handeln: der höchste Wert bleibt im Regal, der niedrigste wird gekauft. Ein Schelm wer denkt, das sich dadurch Salzmengen in Produkten verringern ließen oder der Gesundheit gedient wäre wenn auf einmal das Gesamtporftolio eines Herstellers ähnliche Werte aufweist!

Außerdem sollen einige Nährwerte verbindlich auf Verpackungen aufgeführt werden. Doch auch hier wieder ein Pferdefuß: wann dies passieren soll und um welche es sich letztendlich handelt ist auf 2011 vertagt worden. Frühestens. Daher ist dieser Lichtblick lediglich eine Beruhigungspille, denn bis dahin gibt es garantiert neue, gewichtige Gründe gegen eine einheitliche und vor allem verbindliche Regelung. Das diese Gründe dann allerdings ein paar zehntausend übergewichtige und kranke Menschen zusätzlich sind darf nach der diesjährigen Erfahrung allerdings bezweifelt werden.

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